Quelle: Thomas Russ – smartENERGY, 2026
smartCOMMUNITY – Energiewende als marktbasiertes Mitmachmodell
Im Gespräch mit Thomas Russ (smartENERGY) wird deutlich, wie konsequent smartENERGY den Anspruch verfolgt, Kund:innen nicht nur als passive Strombezieher:innen zu sehen, sondern als aktive Teilnehmer:innen der Energiewende. Im Zentrum stehen dabei flexible Stromtarife, die sich eng am Energiemarkt orientieren, sowie die Plattform smartCOMMUNITY, die Energie-Sharing und neue Handelslogiken praxisnah umsetzt.
Von der Versorgung zur aktiven Teilnahme am Energiemarkt
Thomas Russ beschreibt die grundlegende Vision klar: In einem Energiesystem mit stark wachsendem Anteil erneuerbarer Erzeugung wird es immer wichtiger, Energie bewusst zu nutzen und Verbräuche zeitlich dorthin zu verschieben, wo Überschussenergie verfügbar ist. smartENERGY adressiert genau dieses Problem, indem Kund:innen über dynamische bzw. flexible Tarifmodelle unmittelbare Preissignale erhalten – und dadurch motiviert werden, Lasten systemdienlich zu verschieben.
smartCOMMUNITY als niederschwelliger Zugang zu Energie-Sharing
Das Alleinstellungsmerkmal der smartCOMMUNITY sieht Russ vor allem in der Einfachheit und Skalierbarkeit. Während klassische Energiegemeinschaften häufig durch starre Preislogiken („ein Preis für alle“), administrativen Aufwand und Investitionshürden geprägt seien, ermögliche smartCOMMUNITY einen vollautomatisierten, österreichweiten Zugang – für Privathaushalte ebenso wie für Landwirtschaft oder Unternehmen.
Die Einstiegshürde ist bewusst niedrig: Smart Meter, smartENERGY-Stromkund:in sein und eine Mitgliedschaft zur Plattform – damit können Nutzer:innen aktiv Energie teilen oder beziehen.
Besonders spannend ist das von smartENERGY entwickelte mehrstufige Verwertungsmodell, das sowohl wirtschaftliche als auch praktische Anforderungen berücksichtigt. Ziel ist, möglichst viel PV-Überschuss innerhalb der Community zu nutzen.
Das Modell umfasst vier Ebenen:
- Selbstoptimierung über mehrere eigene Objekte hinweg
- „Energiefreunde“ als individuelles Peer-to-Peer-Sharing
- Community-Handel über das Energiedepot samt Matching-Logik
- Reststrom-/Backup-Tarif
Regulatorik: Peer-to-Peer-Handel, ElWG und Nähekriterium
Obwohl smartCOMMUNITY laut Russ nicht direkt vom ElWG betroffen sei, bewertet er den Peer-to-Peer-Handel grundsätzlich als relevante Entwicklung. Die „Energiefreunde“ seien im Kern bereits ein P2P-Prinzip – nur ohne netztarifliche Vorteile. smartENERGY arbeitet daher daran, künftig auch formale P2P-Verträge über die Plattform zu ermöglichen.
Beim Nähekriterium sieht Russ zwar den systemischen Sinn (geringere Transportdistanzen, Netzentlastung), erwartet aber, dass P2P dadurch kein Massenphänomen wird. Zusätzlich verweist er auf offene Umsetzungsfragen: Wie finden sich Peers? Wie erfolgt Preisbildung, Abrechnung und Zahlungssicherheit? Gerade hier möchte smartCOMMUNITY künftig die Komplexität im Hintergrund abfedern und den Zugang vereinfachen.
Durch den neu geschaffenen Sommer-Nieder-Arbeitspreis (SNAP) jedoch, erwarten wir massiven Rückenwind. Die Gewährung eines 20% Rabatts auf die Netzgebühren zwischen 10:00 und 16:00 gerade in den Zeiten, in denen unsere smartCOMMUNITY Teilnehmer am meisten Energie teilen stellt uns quasi auf die gleiche Ebene mit regionalen Energiegemeinschaften in denen Kunden sich 28% der Netzgebühren sparen.
Aktuelle Herausforderungen: Smart-Meter-Daten und politische Eingriffe
Als größte operative Hürde nennt Russ die Verfügbarkeit der 15-Minuten-Daten durch Netzbetreiber – eine Grundvoraussetzung für smarte Tarife, Flexibilitätsmodelle und Community-Handel.
Gleichzeitig warnt er vor politischen Eingriffen wie Preisdeckeln oder einem stärker regulierten Fixpreissystem: Diese könnten innovative Geschäftsmodelle wirtschaftlich entwerten, weil Kund:innen dann kaum mehr bereit wären, Spotpreis-Risiken zu tragen. Damit würden auch gewünschte Effekte wie Lastverschiebung und Netzentlastung geschwächt.
Markttrend: klare Verschiebung zu flexiblen Tarifen
smartENERGY beobachtet laut Russ eine deutliche Entwicklung weg vom klassischen Fixtarif. Bereits über ein Drittel der Kund:innen sei in sogenannten „Monatsfloatern“, und auch dynamische Stundentarife gewinnen an Bedeutung – allerdings mit saisonaler Schwankung (günstig im Sommer, potenziell teuer im Winter). Nachteilig sei dabei, dass der Gesetzgeber bei dynamischen Tarifen keine Vertragsbindung zulässt, was kurzfristiges Ein- und Aussteigen begünstigt.
Eine Kundenumfrage habe laut Russ überraschend gezeigt: Es gibt kein klares demografisches Muster. Vielmehr seien es Kund:innen, die energiepolitische und systemische Themen (Netzausbau, Mittagsüberschüsse, Lastspitzen am Abend) aktiv wahrnehmen und ihr Verhalten entsprechend anpassen – z.B. indem sie energieintensive Geräte bewusst außerhalb der Spitzenzeiten (typisch 17–21 Uhr) nutzen.
Speicher als nächster Hebel – auch ohne PV
Batteriespeicher sieht Russ als strategisch zentral. Durch sinkende Preise werden sie zunehmend wirtschaftlich – und zwar nicht nur als PV-Ergänzung. smartENERGY arbeitet an Lösungen, bei denen auch Kund:innen ohne PV-Anlage Speicher installieren können, um diese mit günstiger Energie aus dynamischen Tarifen zu laden und in teuren Stunden zu entladen.
Perspektivisch soll sogar das Laden von Speichern innerhalb der smartCOMMUNITY möglich werden – etwa indem ein „Energiefreund“ Speicher mit Sonnenstrom „aus der Ferne“ belädt.
Ausblick: Weiterentwicklung, Speicherbewirtschaftung und KI
Für die nächsten Schritte nennt Russ drei Entwicklungsfelder: Ausbau des Produktportfolios, vertiefte Speicherintegration und die Nutzung von KI – insbesondere für automatisierte Speicherbewirtschaftung. Im Mittelpunkt bleibt jedoch die Weiterentwicklung der smartCOMMUNITY: eine Plattform, die möglichst vielen Menschen einen einfachen Zugang zu günstiger, grüner Energie und zu marktbasierten Teilnahmemodellen eröffnet.
Erfahren Sie mehr!
Mehr zu diesem Thema und den gesamten Beitrag finden Sie in der ENERGIE im FOKUS Ausgabe 01 | Februar 2026.
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