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Quelle: Herbert Saurugg, Blackout-Experte, 2026

Blackout ist kein Stromausfall – Bewährungsprobe für unser Stromsystem

von | 22. Feb. 2026 | Allgemein

Herbert Saurugg meint: Unser Stromsystem ist heute fragiler, als viele glauben. Seit 15 Jahren beobachtet er die Entwicklungen im europäischen Verbundnetz – und sieht eine steigende Systemanfälligkeit. Während es in 60 Jahren zuvor nur wenige Großstörungen gab, häufen sich diese in den letzten Jahren deutlich. Ob das Zufall oder Warnsignal ist, lasse sich nicht sicher sagen – aber die Fragilität nehme zu.

Ein zentrales Missverständnis sei laut Saurugg, dass viele Menschen einen Blackout mit einem gewöhnlichen Stromausfall gleichsetzen. Herbert Saurugg meint: Ein überregionaler, länger andauernder Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfall hätte völlig andere Dimensionen. Je nach Dauer könne es Tage oder sogar Wochen dauern, bis sich die Versorgung stabilisiert. Die eigentliche Krise beginne oft erst nach dem Stromausfall.

Warum unser Energiesystem verletzlicher wird, als viele glauben

Besonders kritisch sieht er die fehlende lokale Balance im System. Zwar spreche man von Dezentralisierung, gemeint sei jedoch meist nur PV-Erzeugung. Herbert Saurugg meint: Es fehlen funktionale Einheiten, in denen Erzeugung, Speicherung, Verbrauch und Regelung zusammen gedacht werden. Strom müsse in jeder Sekunde im Gleichgewicht sein – doch es gebe immer mehr Zeiten mit Überschuss ohne Wert und andere mit akuter Knappheit. Im schlimmsten Fall gerate das gesamte Verbundsystem aus dem Takt.

Resilienz beginne dort, wo es nicht nur um Eigenoptimierung gehe. Herbert Saurugg meint: Echte Widerstandsfähigkeit entsteht durch „Energiezellen“ – funktionale Einheiten mit notversorgungsfähiger Rückfallebene. Im Alltag optimieren sie Energieflüsse und Kosten, im Krisenfall sichern sie kritische Infrastruktur. Entscheidend sei dabei Kooperation statt Autarkie-Denken.

Denn bei einem großflächigen Ausfall drohen Kaskadeneffekte: Logistik, Telekommunikation, Wasser, Gesundheitswesen – alles hängt am Strom. Besonders unterschätzt werde der Gleichzeitigkeitsfaktor. Wenn viele Komponenten gleichzeitig ausfallen und Ersatzteile sowie Fachkräfte fehlen, entstehe ein Teufelskreis. Und das schwächste Glied sei oft der Mensch – etwa wenn Mitarbeitende wegen fehlender Eigenvorsorge nicht einsatzfähig sind.

Autarkie ist keine Lösung – Kooperation schon

Ein weiterer Kritikpunkt: fehlende systemische Planung. Der bloße Ausbau von PV und Wind greife zu kurz, wenn Netzausbau, Speicher und sektorübergreifendes Energiemanagement nicht im Gleichklang mitwachsen. Wer nur „A“ umsetzt, aber „B, C und D“ ignoriert, öffne eine teure Komplexitätslücke. Ein solches Projektmanagement würde in einem Unternehmen nicht lange überleben.

Auf die Frage nach Automatisierung versus Einfachheit antwortet er mit einem klaren Sowohl-als-auch. Herbert Saurugg meint: Komplexe Systeme lassen sich nur mit mindestens gleicher eigener Komplexität steuern. Steuerungsintelligenz müsse dezentral organisiert werden – „on the edge“ in überschaubaren Zellen – kombiniert mit einer übergeordneten Orchestrierung. Zentralistisches Mikromanagement sei keine Lösung.

Energiezellen als Baustein eines robusten Verbundsystems

Auch bei der Koordination gelte: Optimierung ja, aber im Einklang mit dem Gesamtsystem. Energiezellen sollten sich selbst optimieren, zugleich jedoch Signale aus der übergeordneten Ebene berücksichtigen. Herbert Saurugg meint: Es gehe nicht um Autarkie, sondern um ein Miteinander von Zellen und zentralem System.

Im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit und Notfallfähigkeit plädiert er für dynamische Puffer. Rückfallebenen seien kein Luxus, sondern Zusatznutzen. Je nach Lage könnten Sicherheitsreserven erhöht oder Risiken bewusst eingegangen werden – entscheidend sei, dass alles von Beginn an mitgedacht werde.

Abschließend sieht Herbert Saurugg großes Potenzial in Energiegemeinschaften. Er meint: Die Menschen wünschen sich gemeinschaftliche, kalkulierbare Lösungen – doch es brauche mehr Aufklärung über systemische Zusammenhänge. Regulierung müsse funktionale Einheiten fördern und singuläre, systemfremde Maßnahmen beenden.

Sein Kernpunkt bleibt klar: Resilienz entsteht nicht durch Angst, sondern durch Struktur, Kooperation und konsequentes systemisches Denken.

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Mehr zu diesem Thema und den gesamten Beitrag finden Sie in der ENERGIE im FOKUS Ausgabe 02 | März 2026.

Über den Autor

DDI Manuel Artz, Geschäftsführer Artz Energie Service GmbH

„Energie“ ist meine große Leidenschaft.

Ich habe diese Handelsagentur gegründet damit Energiebereitsteller und Energiebezieher auch abseits der konventionellen Wege Energie zu fairen Preisen beziehen bzw. vermarkten können.

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