Quelle: KI-generiertes Bild, erstellt mit ChatGPT (OpenAI), 2026
Energiegemeinschaften:
Zwischen Aufbruch und Systemrealität
Ein Gespräch mit Carolin Monsberger und Bernadette Fina vom AIT Austrian Institute of Technology
Energiegemeinschaften gelten als eines der sichtbarsten Instrumente der Energiewende. Sie ermöglichen Bürgerinnen und Bürgern, selbst Strom zu erzeugen, lokal zu teilen und aktiv Teil des Energiesystems zu werden. Doch wie nachhaltig ist dieses Modell wirklich – und welche Auswirkungen hat es auf das Stromsystem?
Um diese Fragen einzuordnen, haben wir mit Carolin Monsberger und Bernadette Fina vom AIT Austrian Institute of Technology gesprochen. Beide beschäftigen sich seit Jahren wissenschaftlich mit Energiegemeinschaften und deren Auswirkungen auf Energiemärkte und Netze.
Österreich als Vorreiter
Aus Sicht der AIT-Forscherinnen hat sich Österreich zu einem internationalen Vorreiter entwickelt. Bereits Mitte 2025 existierten mehrere tausend Energiegemeinschaften – von gemeinschaftlichen Erzeugungsanlagen bis hin zu Bürgerenergiegemeinschaften. Der Trend hält weiter an.
Für Fina ist dieser Erfolg kein Zufall: Energiegemeinschaften seien derzeit eines der wenigen Modelle, mit denen Bürgerinnen und Bürger tatsächlich aktiv an der Energiewende teilnehmen können. Gleichzeitig habe sich dadurch auch das Bewusstsein für Energie deutlich verändert – weg von der Vorstellung unbegrenzt verfügbarer Elektrizität hin zu einem bewussteren Umgang mit Strom.
Positive Effekte – aber auch neue Herausforderungen
Auch aus systemischer Perspektive sehen die Expertinnen klare Vorteile. Energiegemeinschaften fördern Investitionen in dezentrale erneuerbare Energie, vor allem in Photovoltaikanlagen auf Gebäuden.
Gleichzeitig weisen sie aber darauf hin, dass mit der zunehmenden Verbreitung auch neue Herausforderungen entstehen. Wenn Haushalte einen Teil ihres Stroms innerhalb der Gemeinschaft austauschen, verändern sich die Restlastprofile für Stromlieferanten. Laut Monsberger erschwert das die Prognose des tatsächlichen Strombedarfs und kann zu höheren Ausgleichsenergiekosten führen.
Hinzu kommt eine grundsätzliche Systemfrage: Energiegemeinschaften profitieren teilweise von reduzierten Netzentgelten, ohne zwingend netzdienlich zu agieren. Aus Sicht der Forschung müsse daher langfristig darauf geachtet werden, dass Kosten im Energiesystem fair verteilt bleiben.
Mitglieder verbrauchen Strom anders
Ein interessanter Effekt zeigt sich laut AIT auch beim Verhalten der Teilnehmenden. Mitglieder von Energiegemeinschaften orientieren ihren Stromverbrauch stärker an der tatsächlichen Verfügbarkeit von erneuerbarer Energie innerhalb der Gemeinschaft.
Das führt bereits ohne zusätzliche Technik zu messbaren Lastverschiebungen. Gleichzeitig investieren viele Teilnehmer:innen stärker in Energiemanagementsysteme oder andere Technologien, um den Eigenverbrauch zu optimieren.
Neue Modelle entstehen
Neben klassischen Energiegemeinschaften entstehen derzeit auch neue Modelle der lokalen Energienutzung. Besonders Peer-to-Peer-Verträge (P2P) könnten laut Fina künftig eine Rolle spielen. Sie ermöglichen direkte Stromliefervereinbarungen zwischen einzelnen Teilnehmer:innen und senken damit organisatorische Hürden – vor allem bei kleinen Gruppen.
Darüber hinaus diskutiert die Energieforschung bereits den nächsten Entwicklungsschritt: sogenannte Energiezellen. Diese würden Energiegemeinschaften zu integrierten regionalen Energiesystemen weiterentwickeln, in denen verschiedene Technologien und Sektoren stärker miteinander verknüpft sind.
Dynamische Netzentgelte als nächster Baustein
Parallel dazu untersucht das AIT derzeit neue Tarifmodelle für Stromnetze. Im Projekt INNOnet testen mehr als 800 Haushalte unterschiedliche Varianten dynamischer Netzentgelte. Erste Ergebnisse zeigen laut Monsberger deutlich, dass Haushalte auf Preissignale reagieren und ihren Stromverbrauch entsprechend anpassen.
Eine breitere Einführung solcher Tarife wird jedoch frühestens ab 2027 erwartet.
Fazit der Forschung
Aus Sicht der AIT-Expertinnen sind Energiegemeinschaften längst mehr als ein kurzfristiger Trend. Sie fördern Bürgerbeteiligung, stärken den Ausbau erneuerbarer Energie und verändern das Verhalten der Stromkund:innen.
Gleichzeitig wird mit wachsender Verbreitung immer deutlicher, dass lokale Energielösungen nur dann langfristig erfolgreich sein können, wenn sie gut in das Gesamtsystem integriert sind.
Erfahren Sie mehr!
Mehr zu diesem Thema und den gesamten Beitrag finden Sie in der ENERGIE im FOKUS Ausgabe 02 | März 2026.
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